Platform Austria

Interview mit Peter Mörtenböck & Helge Mooshammer

Eurem Ausstellungskonzept „Platform Austria“ geht eine lange und intensive Beschäftigung mit Netzwerkkulturen voraus. Worin liegt die Differenz zwischen Netzwerk und Plattform?

PM

Zu Beginn unserer Forschung an Netzwerkkultur vor circa 20 Jahren lautete die These, dass sich die Formen, wie wir miteinander in Kultur verbunden sind, zum damaligen Zeitpunkt stark veränderten. Zwischen 2005 und 2010 erfuhren die neuen Medien einen starken Aufwind, der es ermöglichte peer to peer miteinander zu kommunizieren, sodass sich autonome Netzwerkstrukturen bilden konnten. Ein wichtiger Faktor waren die damaligen politischen Umbrüche, speziell in Osteuropa.

Plötzlich war es möglich Verbindungen quer durch Europa und neue Formen des Austauschs im geographischen, im politischen aber auch im technologischen Sinne zu schaffen. Parallel zu hierarchischen Organisationsmodellen, deren Strukturen stärker institutionell verankert sind, bildeten sich Netzwerkkulturen.

2010 ließ sich dann ein langsamer Übergang von der Netzwerkkultur zu einer Plattformkultur beobachten. Aus den dezentralisierten Austauschsystemen der Netzwerke entwickelten sich standardisierte Formate der Kommunikation, die wir heute als Plattformen bezeichnen.

In einem oft zitierten Aufsatz aus dem Jahr 2010 mit dem Titel „The Politics of ‚Platforms‘“ beschreibt Tarleton Gillespie, dass es beim Entstehen dieses neuen Mediums der Plattform um das Kuratieren öffentlicher Diskurse geht. Dieser Gedanke, wie öffentlicher Diskurs überhaupt zustande kommt, ist heute in der Auseinandersetzung mit Plattformen fast abhandengekommen.

Genau an diesem Punkt setzen wir in unserem Denken zu Plattformkultur im Allgemeinen und bei unserem Beitrag zur
Biennale im Speziellen an. „Platform Austria“ thematisiert, wie diese neuen Formen der Kommunikation neue Orte schaffen und die gesamte Informationslandschaft neu strukturiert wird. 

Im Ausstellungskonzept habt ihr euren Fokus insbesondere auf Plattform-Urbanismus gerichtet. Was genau ist das?

HM

Wir beschreiben in der Ausstellung Plattform-Urbanismus als ein gegenwärtiges Phänomen. Damit meinen wir, dass zwar jeder eine intuitive Vorstellung davon hat, was mit Plattform-Urbanismus gemeint ist, gleichzeitig aber beim Versuch der
Beschreibung klar wird, dass sich dieses Phänomen stets wandelt und viele verschiedene Gesichter hat.

Eine mögliche Perspektive ist, dass man Plattform-Urbanismus als eine neue Art von Organisation vis-à-vis institutionellen Ordnungen betrachtet. Wie Peter beschrieben hat, war zur Zeit der Diskussion über Netzwerkkultur der Kontext des Zusammenbruchs institutioneller Ordnungen früherer sozialistischer Staaten in Osteuropa sehr prägend. Für neue kulturelle Initiativen hat das sehr viel eröffnet.

Wenn man diese institutionelle Perspektive in der Zeit nach 2010 weiterverfolgt, war die globale Finanzkrise von 2007 und 2008, die ebenfalls zu einem Kollaps geführt hat, entscheidend. Anstelle staatlicher Ordnungen kollabierten etablierte wirtschaftliche Ordnungen. Damit ging die Bereitschaft einher sich gegenüber den sogenannten disruptive technologies zu öffnen. Ich glaube, diese Zwischenphase müssen wir im Auge
behalten, wenn wir verstehen wollen, wie wir heute angesichts einer globalen Pandemie auf die neuen Möglichkeiten reagieren, weil wir in gewisser Weise durch diese letzten zehn Jahre dafür konditioniert wurden.

Die beschriebenen Prozesse sind für Nutzer*innen größtenteils unsichtbar. Ebenso verhält es sich mit der Ambivalenz zwischen der vermeintlich wahrgenommenen Ergebnisoffenheit der Plattformen und dem eigentlich engen Handlungskorridor der Nutzer*innen. Beinahe unsichtbar haben Plattformen auch auf den urbanen Raum Einfluss. Wo lassen sich dennoch anschauliche Beispiele dafür finden?

PM

Überall. Es war vorhersehbar, dass es letztendlich um den Zusammenschluss von Code und Raum gehen wird. Wie lässt sich die Abstraktion von Erfahrung und Wissen in Form von Datensätzen mit Raum zusammenführen? Wie kann Raum in dem Sinne programmiert werden, dass Raummodule, die modifizierbar, skalierbar und an andere Orte übertragbar sind, wie ein Code operieren?

Das lässt sich ganz konkret am Beispiel des Bildungssektors beschreiben. Hier werden von Firmen bereits standardisierte Module programmiert, in neu errichteten Hallen flexible Lern- und Arbeitsbereiche geschaffen und Bildungsangebote als Servicepakete entwickelt. Diese Form von Unterricht an der Schnittstelle von Technologie, Kreativität und Design ist von Aktivitäten und Projekten getragen. Solche Angebote können von jungen Menschen in Armenien, Russland oder
Albanien, die etwas lernen wollen und wenig Zugang zu Bildungsangeboten haben, gleichermaßen genutzt werden. Gerade durch die Pandemie sind sehr viele Leute aus dem Ausbildungssystem herausgefallen. Sie werden von Firmen als Potenzial und neuer Markt gesehen. Ähnliches passiert beispielsweise auch im Gesundheitssektor oder im Pflegebereich.

Welchen Einfluss haben diese Geschäftsmodelle des Plattform-Urbanismus auf die Architektur?

HM

Aus der Perspektive der User*innen lässt sich das nicht so einfach ausmachen; wenn wir aber die Perspektive der Plattformen einnehmen, ist es eigentlich ganz simpel. Wo gibt es noch ungenutztes Potenzial,
wo gibt es Ressourcen, die man durch die Vernetzung mit Interessent*innen besser nützen könnte? Das kann beispielsweise ein Privatauto sein, das ungenutzt auf der Straße
steht. Durch sharing lässt sich diese Ressource effizienter nutzen und das passiert über eine Plattform, über die potenzielle Interessent*innen verknüpft werden.

Es handelt sich also um einen fundamentalen Wechsel der Organisationsform, der auch auf die Architektur übertragen wird: Aus der Architektur als Ware wird eine Architektur als Dienstleistung. Wir müssen uns vor Augen führen, was es dann in der Folge bedeutet, wenn wir alle Dinge unseres täglichen Lebens plötzlich nur noch mieten können. Denn Services stehen immer nur temporär zur Verfügung.

Mit diesem Wechsel in ein Mietsystem ist eine Reihe sozialer und kultureller Fragen verknüpft, denn das Versprechen der angepriesenen Flexibilität offenbart als Kehrseite sehr schnell prekäre Verhältnisse und soziale Unsicherheiten.

Was bedeutet dieser Wandel von Architektur als Ware zu Architektur als Dienstleistung für die angewandte Planungsaufgabe?

HM

Im Mittelpunkt dieser Logik steht optimierte Nutzungen zu finden, Räume seltener „leer“ stehen zu lassen und sie zu „aktivieren“. Insbesondere beim Wohnen und Arbeiten in Verbindung mit Serviceangeboten finden sich hier an zwei Enden Ansätze – in der Jugend und im Alter. Am Beispiel von Studierenden- genauso wie von Seniorenheimen sehen wir neue Formen von Angeboten für Bewohner*innen, die nichts mehr mit der ehemaligen Tristesse dieser Wohntypologien zu tun haben, sondern eher Hotels ähneln. Angehängt an diese „Ressorts“ sind eben entsprechende medizinische Einrichtungen oder Freizeitangebote. Diese beiden Enden werden bereits jetzt für Immobilien-Investoren sehr interessant und wir stellen die Frage, was sich im breiten Bereich dazwischen entwickeln wird.

Informationsblasen, wie wir sie aus unserem täglichen Medienkonsum kennen, werden in diesen Modellen also räumlich reproduziert und die Zufälle der physischen Welt immer weiter minimiert?

PM

Ein Problemfeld solcher Ressorts, wie Helge sie gerade beschrieben hat, ist dass sie insuläre Einheiten bilden. Sie sind äußerst serviceintensiv und diese Serviceindustrie benötigt auch viel Personal. Es werden sich nach und nach zweitrangige Stadtquartiere entwickeln, wo all die Menschen, die diese Services erbringen, untergebracht werden müssen. Man kann sich in radikalisierter Form diesen Prozess als Trennung in perfekt programmierte Stadträume und abgesonderte Unterwelten vorstellen.

Ein weiteres Problemfeld ist, dass es keine Nachhaltigkeit in dieser Entwicklung gibt, weil alles auf den unmittelbaren Genuss angelegt ist. Das ist nicht nur sehr ressourcenintensiv, sondern lässt auch langfristige Planungen in den Hintergrund treten. Genau da müssen wir ansetzen, an dem Punkt, wo Planung sich selbst aufs Neue erfinden kann und ein neues Bild für die Zukunft anbietet.

Wie gelingt es Plattformen ihre standardisierten Angebote mit einer Gesellschaft, die dem Individualismus so hohe Bedeutung zumisst, in Deckung zu bringen?

PM

Plattformen leiden an einem Mangel an Konkretheit, weil sie sich auf Abstraktion und Vervielfachung stützen. Das Leben
ist aber sehr konkret und darum wird es immer dann eng für Plattformen, wenn
die Konkretheit des Lebens – Zufälle, Irritationen, eine Pandemie – Dinge durcheinanderwirft.

Die Konkretheit ist deshalb sehr wichtig zu beachten, weil wir selbst Gefahr laufen, unsere Lebensentwürfe nach abstrakten Vorgaben auszurichten. Die Vielfalt gelebter Entwürfe geht zurück. Formen des gemeinsamen Lebens werden zudem heute nicht mehr als ausgleichende Interaktion konzipiert, sondern das Individuum selbst wird mit seinen Leistungsfähigkeiten in den Vordergrund gestellt.

Ein bestimmter Subjektentwurf wird dementsprechend als räumliches Komponentensystem modelliert – co-working spaces, shared desks, flexible Aufenthaltszonen. All das hat Einfluss darauf, wie wir werden wollen, wie sich Menschsein überhaupt anfühlt und welche Ziele wir entwickeln. Genau hier ist das Konkrete gefragt, damit wir eine Vorstellung davon erlangen können, wie wir in 10, 20 oder 40 Jahren tatsächlich leben wollen. Wir müssen versuchen uns jetzt zu überlegen, wie Räume aussehen sollen, die diese Konkretheit aufnehmen können. Das ist die eigentliche Architektur- und Planungsaufgabe, nicht die flexiblen, abstrakten Räume.

In der Biennale-Ausstellung beschreibt ihr aber auch, welche Potenziale Plattformen für Planer*innen bereithalten können.

PM

Aus dem Fundus von Diskussionen rund um Plattformen schlagen wir sieben Kapitel auf, die wir gemeinsam mit über 50 Gästen, Expertinnen und Experten aus allen Kontinenten der Welt und aus allen Generationen, diskutieren. Eines dieser sieben
Kapitel – nämlich das Schlusskapitel – setzt sich mit der Zukunft auseinander.

HM

Interessant ist, dass die positiven Beispiele vor allem aus dem außereuropäischen Raum kommen. Die neuen Dynamiken rund um Plattformen sind sehr stark im globalen Norden präsent, weil sie sich dort vermutlich aufgrund der extremen Vermögenskonzentration deutlicher ausdrücken.

Man sollte jedenfalls nicht der Paranoia verfallen. Wir alle haben entscheidend Anteil am Erfolg von Plattformen, weil wir im Wesentlichen die Content-Produzenten sind. Diesen Umstand machen wir uns in der Ausstellung zunutze und stellen ihn in den Mittelpunkt unseres kuratorischen Konzepts. In vielen Bereichen der Ausstellung laden wir die Besucher*innen ein, diese Position der Produzent*innen einzunehmen und sich ihr bewusst zu werden, um hier aktiv einzugreifen.

Aus der future.lab-Magazin-Augabe #15 Digitalisierung und Raum, 2021

Das Gespräch führten Anna Resch und Sebastian Jobst, Konnektom GmbH

La Biennale di Venezia | Architettura | 22.05.-21.11.2021

Offizieller Beitrag der Republik Österreich, konzipiert und kuratiert von Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck

www.platform-austria.org