Field Trips #11 Die obsolete Stadt

Viele Städte stehen vor einer Herausforderung, die auch eine Chance sein könnte. Viele Gebäudetypen und Infrastrukturen, die über Jahrzehnte das urbane Leben geprägt haben, verlieren aufgrund gesellschaftlicher und technologischer Transformationen ihre Funktion. „Will man dem Klimawandel begegnen, muss das Wachstum der Städte konsequent nach innen gelenkt werden. Und dort braucht es Ressourcen, die es aber anscheinend nicht gibt.“ So Stefan Rettich und Sabine Tastel in ihrer 2025 bei Jovis erschienenen Publikation Die obsolete Stadt (S. 20), die die inhaltliche Grundlage für die Field Trips 2026 bildet.

Verkehrsbauten, Parkhäuser, Industriebauten, Infrastrukturen oder Orte der Alltagskultur werden obsolet – oft bevor klar ist, was an ihre Stelle treten kann. Obsoleszenz ist kein zufälliges Phänomen, sondern eng mit gesellschaftlichen und technologischen Transformationen verknüpft: „Heute sind es drei Megatrends, die als Treiber die Raumentwicklung maßgeblich bestimmen, mit zum Teil disruptiven Auswirkungen: Digitalisierung, Verkehrswende und Wandel der Religiosität.“ (Rettich & Tastel, 2025, S. 20)

Entsprechend konzentriert sich die inhaltliche Arbeit der Field Trips insbesondere auf jene Bereiche, in denen diese Transformationsprozesse räumlich besonders deutlich sichtbar werden: auf Strukturen der ehemals autogerechten Stadt, deren Funktion sich im Zuge von Verkehrs- und Mobilitätswenden grundlegend verändert; auf Gebäudetypologien und Orte, die durch Digitalisierung und kulturellen Wandel an Bedeutung verlieren; sowie auf Räume, die im Zusammenhang mit Religionswandel und dem Rückgang traditioneller wie auch zeitgenössischer Alltags- und Freizeitkulturen obsolet geworden sind.

Die Medaille lässt sich auch wenden: „Vor dem Hintergrund des klimaschädlichen Flächenfraßes ist es geradezu wohltuend, dass immer wieder Gebäude aus der Nutzung fallen, obsolet werden und Raum für Neues entsteht.“ (Rettich & Tastel, 2025, S. 82) Mit diesem Blick werden im Sommersemester 2026 Masterstudierende aus Architektur und Raumplanung in europäische Städte reisen, um sich dort mit Fragen von Transformation und Nachnutzung im urbanen Bestand auseinanderzusetzen. Ausgehend vom Gesamtthema entwickeln die Studierenden eine eigene Fragestellung, Methodik und verarbeiten ihre Erkenntnisse wissenschaftlich und journalistisch. Im Fokus stehen weniger fertige Lösungen als vielmehr das Lesen, Deuten und Weiterdenken bestehender Strukturen als Ressource für gesellschaftliche wünschenswerte Transformationen.

Die Lehrveranstaltung ist als Masterprojekt in der Raumplanung angelegt. Studierende der Architektur können sich die LVA als Modul anrechnen lassen (10 ECTS + freie Wahlfächer 2 ECTS)

Anmeldung in der Raumplanung (mittels Sammelanmeldung aller P3) bereits geschlossen. Anmeldungen in der Architektur erfolgt über die Pool-Anmeldung der Module!

Das Format „Field Trips“ 

Seit 2016 bieten die Field Trips den Rahmen für Masterstudierende aus Architektur und Raumplanung, eigenständige Expeditionen in unterschiedlichste europäische Städte. Basierend auf dem, im Rahmen eines Forschungsantrags gesetzten Forschungsschwerpunktes, führen die Gruppen meist eine sechs- bis zehntägige Feldforschung durch, in der experimentelle und kunstbasierte Methoden zum Einsatz kommen. Nach der Forschung geht es ans Auswerten und darum, wie die Erkenntnisse vermittelt und nach Wien zurückgetragen werden können!

Lehrinhalte

  • ein Forschungsdesign für eine (teils experimentelle) Feldforschung zum Thema Bestandsentwicklung entwerfen
  • einen Forschungsantrag schreiben und präsentieren
  • eigenständig eine Forschungsreise planen und umzusetzen
  • mit unterschiedlichen Methoden und Medien im Feld Material erheben und dieses wissenschaftlich auswerten
  • ergänzende Kommunikationsmedien (Radio/Podcast, Fotografie, Text) mit externen Inputs konzipieren lernen und umsetzen, um darüber einen wissenschaftlichen Bericht verfassen

Team

Betreuung: Madlyn Miessgang, Andreas Bernögger und Rudolf Scheuvens, future.lab
Tutorin: Charlotte Ambs

Gastprofessur
Stefan Rettich ist Architekt und Stadtplaner sowie Professor für Städtebau an der Universität Kassel. Nach dem Architekturstudium in Kaiserslautern und Karlsruhe gründete er 1999 das Büro KARO* und ist seither in Praxis, Forschung und Lehre zu Fragen des Stadtumbaus, der Transformation des Bestands und zirkulärer Stadtentwicklung tätig. Er lehrte u. a. an der Hochschule Bremen, der Universität Kassel, der TU Graz und war Dozent am Bauhaus Kolleg Dessau. Seine Forschungsarbeiten befassen sich mit Obsoleszenz, Mobilitätswandel, zirkulären Typologien und der Transformation urbaner Infrastrukturen. Rettich ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und Jurys, u. a. der Stiftung Bauhaus Dessau und der Nationalen Stadtentwicklungspolitik. 2025 erschien bei Jovis die Publikation Die obsolete Stadt, gemeinsam mit Sabine Tastel.

Forschungsstipendium

Die Lehrveranstaltung Field Trips wird durch die Immobilien Privatstiftung gefördert. Dies ermöglicht Forschungsstipendien, die ca. 70 Prozent (abhängig von den 
Gesamtkosten aller Gruppen) der Kosten decken können!

Ablauf

Phase 1: Einführung (März)
In Phase 1 recherchieren die Gruppen ihr Thema und entwickeln daraus ein Forschungsinteresse. In zwei Workshops zu Beginn werden gemeinsam Themen und Gruppen definiert und festgelegt, wohin euch eure Forschungsreise führen soll. Der Abschluss der Phase 1 bildet die Präsentation eures Forschungsvorhabens. Erst nach diesem Schritt werden die Reisen genehmigt.

Phase 2: Antrag (April/Mai)
Die zweite Phase schließt mit einem Forschungsantrag ab, welcher den inhaltlichen, methodischen, praktischen und finanziellen Rahmen der Expedition absteckt. Erst nach der Bewilligung des Antrages, können die finanziellen Mittel final zugesagt werden.

Phase 3: Expedition (Mai)
Die Teams führen im Zeitraum 07. Mai – 26. Mai 2024 eigenständig eine sechs- bis zehntägige Expedition in die jeweilige Stadt durch. Sie beobachten, führen Gespräche, nehmen auf, zeichnen, spielen, intervenieren … und dokumentieren ihre Ergebnisse. 

Phase 4: Auswertung und Vermittlung (Mai/Juni)
Die Ergebnisse der Expedition werden ausgewertet und ein Bericht auf Basis des Antrags erstellt. Zudem wird ein Radiobeitrag geschnitten, Fotoelemente erstellt, ein Ausstellungsbeitrag und ein Artiekl zum Projekt verfasst.

Phase 5: Abschluss (Juni/Juli)
Abschlussveranstaltung: Ausstellung, Präsentationen, Diskussion

Die genauen Termine werden via TUWEL in einem gesonderten PDF angegeben!

Weitere Informationen

Die Lehrveranstaltung richtet sich an Masterstudierende der beiden Studienrichtungen Architektur und Raumplanung. Architekturstudierende können sich die LVA als Modul (10 ECTS) + freie Wahlfächer (2 ECTS) anrechnen lassen. (Eine Anrechnung im Sinne eines Moduls inklusive Ergänzungsfächer ist nicht möglich.)

In der Lehrveranstaltung wird in Gruppen (ca. 3 Studierende, gemischt Arch./Rpl) gearbeitet. Neben der Betreuung durch das LVA-Team, wird es Input zum Thema Foto, Radio und Artikel schreiben geben.

Hier geht es zur Lehrveranstaltung im TISS